 |
Die Chorherrengalerie des Pollinger
Propstes Franz Töpsl
Im Archiv der
Ludwig-Maximilians-Universität
München wird ein ebenso
individueller wie weithin
unbekannter Bilderzyklus aufbewahrt.
Es handelt sich um etwa 90 Porträts
von Augustinerchorherren aus ganz
Europa. Dieser Bestand aus dem
Augustiner-Chorherrenstift Polling
war nach der Säkularisation 1803 in
den Besitz der Universität gelangt.
Die ungerahmten Gemälde befinden
sich in einem nicht besonders guten
Zustand mit Brüchen der Malschicht
und Rissen in der Leinwand. Am
auffallendsten aber ist die
deutliche Beschädigung der Ränder,
die an allen Seiten einen Verlust
von mehreren Zentimetern Leinwand
aufweisen. Dem ersten Eindruck nach
schien es, als ob die Gemälde aus
ihren Rahmen herausgeschnitten
worden wären.
Die Bildkomposition der Gemälde
verfolgt ein einheitliches Muster.
Es handelt sich durchgehend um
Brustbilder, der Dargestellte nimmt
etwa achtzig Prozent der Bildfläche
ein, der untere Rest verbleibt für
eine meist dreizeilige lateinische
Würdigung des Porträtierten. Durch
die Beschädigungen am unteren Rand
ist bei manchen Bildern die letzte
Zeile verlorengegangen.
Die Überlieferung der Bilder als
nackte Leinwand oder in einem neuen
Rahmen zog ein gewisses Hemmnis bei
der weiteren Beschäftigung mit
diesem Bestand nach sich. Die kurze
lateinische Würdigung nannte zwar
bei manchen Porträts ein Todesjahr.
Grundsätzlich fehlt aber bei allen
Bildern der Name des Dargestellten.
Dieser Name war ursprünglich, wie
die Bilder der Prälaten im
ehemaligen Bibliothekssaal von
Polling zeigen, auf dem Rahmen
selbst oben in der Mitte angebracht.
Man kann den Pollinger Prälaten
Franz Töpsl (17111796) verstehen,
der sich 1764 in einem Brief
beklagte, dass ihm Bilder nichts
nützen und keine Freude bereiten
würden, wenn er nicht wisse, wen sie
darstellten – man hatte ihm rund 50
Bildvorlagen ohne jegliche Angaben
geschickt.
Es stellte sich heraus, dass der
Bilderzyklus in Verbindung mit dem
groß angelegten aber nie
publizierten Lexikon der
Schriftsteller des
Augustiner-Chorherrenordens gesehen
werden muss, das der Pollinger
Propst Franz Töpsl zwischen 1760 und
1796 angelegt hatte. Die noch
erhaltenen Lexikonartikel sind heute
in 28 Bänden in der
Handschriftenabteilung der
Bayerischen Staatsbibliothek München
einzusehen. Die Bände
Clm 26409,
Clm 26419,
Clm 26420 und
Clm 26424 sind zusätzlich in den
Digitalen Sammlungen der Bayerischen
Staatsbibliothek verfügbar.
Als Auftraggeber dieser ursprünglich
über 200 Gemälde umfassenden Reihe
von wissenschaftlich tätigen
Chorherren aus ganz Europa erwies
sich Propst Töpsl. In einer
aufwändigen Korrespondenz hatte er
die Vorlagen für die Porträts
erbeten, die er in einheitlichem
Stil neu malen ließ. Die Gemälde
wurden dann in den Gängen seines
Stifts aufgehängt.
Durch einen Abgleich mit dem
Schriftstellerlexikon konnten nun
fast alle Porträtierten
identifiziert werden. Bei den
einzelnen Bildern ist der jeweilige
Lexikonartikel, falls vorhanden,
angegeben. Bei den Malern handelt es
sich unter anderen um Wenzel Albert
(gest. 1796), Johann Kaufmann (seit
1745 in München tätig) und Johann
Baptist Baader (17171780).
Wolfgang Jahn
Literatur
Wolfgang Jahn: Nicht zur Erbauung,
sondern zum Ansporn. Die
Chorherrenporträts und das
Schriftstellerlexikon des Pollinger
Propstes Franz Töpsl, in: Jahrbuch
des Stifts Klosterneuburg, N.F. 20
(2008), S. 782.
Wolfgang Jahn: Vergessene Bilder –
vergessene Texte. Die Planung des
Schriftstellerlexikons und der
Chorherrengalerie des Pollinger
Propstes Franz Töpsl, in:
Visualisierung monastischer
Vergangenheit (Arbeitstitel), hg.
von Markwart Herzog und Huberta
Weigl (Irseer Schriften NF 6),
Konstanz 2009 (in Vorbereitung)
-->
zu den
Porträts
|
|
|