Haus der Bayerischen Geschichte – Gleis 11 - Migrationsgeschichte in Bayern

DAS KONZEPT DES THEATERPROJEKTS „GLEIS 11“

Das dokumentarische Theaterprojekt „Gleis 11“ von Christine Umpfenbach und Paul Brodowsky entstand im Rahmen des Stadtprojekts „MUNICH CENTRAL“ (2010) / Münchner Kammerspiele. Der Bunker am Münchner Hauptbahnhof wird als historischer Schauplatz und Erinnerungsort lebendig und für den Besucher erfahrbar. Dieser betritt den Schauplatz ,Gleis 11/ Bunker‘ und erfährt dort von den Geschichten und Erinnerungen, die Menschen mit diesem Ort verbinden. Es mischen sich verschiedene Sorten von dokumentarischem Material: Berichte von Zeitzeugen, Dokumentarfilme wie „Special Trains“ oder auf Video aufgezeichnete Interviews mit Zeitzeugen und auf Recherchematerial und Interviews basierende, literarisch verfremdete und verdichtete Texte. Dabei soll der Effekt entstehen, dass für den Besucher nicht mehr eindeutig zu klären ist, welche Erzählungen fiktionalisiert, d. h. bearbeitet oder sogar erfunden worden sind, und welche mehr oder weniger unbearbeitet belassen worden sind – es wird also mit Authentizitätseffekten und Verfremdungseffekten gleichermaßen gearbeitet.

Wie die am Gleis 11 ankommenden 'Gastarbeitter' wurden auch die Theaterbesucher am Bahnsteig begrüßt und per Megaphon zur Weiterleitungsstelle im Bunker gelotst. Im Bild zu sehen (1. und 2. von links) sind der Dolmetscher Remzy Özbay und der Arbeitsvermittler Kurt Spennesberger (Foto: Andrea Huber, München). Regieassistentin Pinar Karabulut verteilte Koffer an die Zuschauer, die sie als Teil der Inszenierung mit in den Bunker nehmen mussten (Foto: Andrea Huber, München). Nach einer kurzen Einweisung im Aufenthaltsraum wurden die Zuschauer nach der auf ihren 'Arbeitsverträgen' enthaltenen Postleitzahlen aauf die einzelnen Räume verteilt (Foto: Andrea Huber, München).

Authentisch sind die Originalschauplätze, (Bahnsteig, Bunker, einzelne Bunkerräume). Authentisch sind die beteiligten Darsteller (Zeitzeugen / „Gastarbeiter“ und ihre Kinder und Enkel): sie spielen nicht, bieten kein als-ob-Theater, sondern sie erzählen, zeigen und demonstrieren, und stehen dabei mit ihrer Zeitzeugenschaft, oder mit ihrem innerfamiliären sozialen Gedächtnis („Meine Mutter erzählte immer ...“) für die Glaubwürdigkeit des Gesagten oder Gezeigten ein.

Auch Formen des Reenactments machen das historische Geschehen für den Besucher anschaulich und nachvollziehbar. Der Zuschauer wird Zeuge eines (Theater-)Geschehens, das Ähnlichkeiten mit dem historischen Geschehen am gleichen Ort hat. Beispiele sind: die Begrüßung der Besucher mit Megaphonen in türkisch und deutscher Sprache von Remzy Özbay und Kurt Spennesberger auf Gleis 11; der Gang in den Bunker; Aufteilung der Zuschauer in Gruppen je nach Nummern auf den an die Zuschauer ausgeteilten „Arbeitsverträgen“.

Dem gegenüber stehen Formen der Verfremdung. Diese werden inszenatorisch hergestellt, z.B. durch Austauschen des Sprechers (eine junge Bosnierin, welche die Geschichte der inzwischen Siebzigjährigen „Gastarbeiterin“ Milica Stjepanović erzählt); durch fremden Text auf dokumentarischen Filmbildern; durch das Kostüm (junge Leute, die gekleidet sind wie ihre Großeltern 1965 etc.)
Verfremdungen wurden auch durch den Text hergestellt, etwa durch leichte Formen der Literarisierung/ Verdichtung/ sprachlichen Verfremdung von Interviewmaterial; durch Einschieben von fiktionalen, auf Recherchematerial basierenden Texten etc.

Ethem Koçer stellte im Theaterstück in einer nachempfundenen Schneiderei die Grundzüge seines Handwerks vor (Foto: Andrea Huber, München). Kurt Spennesberger erlebte die Ankunft der 'Gastarbeiter' aus Sicht eines Arbeitsvermittllers. In GLEIS 11 erläuterte er die Anwerbeprozedur und die Abläufe in der Weiterleitungsstelle im Bunker (Foto: Andrea Huber, München). Eleni Tsakmaki kam mit ihrem Mann 1961 in die Bundesrepublik. Am meisten schmerzte sie die Trennung von ihren Kindern, die sie in Griechenland zunächst zurücklassen musste. Heute lebt ihre Familie bereits in vierter Generation in München (Foto: Andrea Huber, München). Adalet Günel (links im Bild) und Nilgün Dikmen lernten sich 1971 auf der Zugfahrt aus der Türkei nach München kennen und trafen sich, nachdem der Kontakt zunächst abgerissen war, Jahre später durch Zufall bei Agfa wieder. Bis heute sind sie eng befreundet (Foto: Andrea Huber, München).

Deutlich wird in dem Stück „Gleis 11“, dass es sich nicht um individuelle Einzelgeschichten handelt, sondern um exemplarische Geschichten, die für das Schicksal hunderttausender Einwanderer/ „Gastarbeiter“ stehen, die über den Bunker nach Deutschland gekommen sind.

Diese Vorgehensweisen (Reenactment, Verfremdung etc.) kann man als formale Umsetzung und Thematisierung der immer problematischen Überlieferung von historischen Ereignissen auffassen. Überlieferungen sind bekanntlich immer auf Quellen angewiesen; diese Quellen aber sind lückenhaft, widersprechen sich, sind nur bedingt aussagekräftig. Ähnlich wie Erinnerungen selektiv sein können, wie bei der Nacherzählung von Erinnertem durch Zeitzeugen einiges verdrängt ist, anderes verschwiegen oder verfremdet wird, sind Quellen unzuverlässig, ist die Überlieferung dieser Quellen selektiv. Dennoch kann mithilfe einer breiten Vielfalt historischer Quellen zu einem bestimmten Ereigniszusammenhang selbiger für den späteren interessierten Betrachter vielschichtig nachvollziehbar werden. Anstelle einer einzelnen, notwendig vereinfachenden Erzählung werden individuelle Erzählungen und damit verschiedene Facetten dieses Ereigniszusammenhangs sichtbar. Diese Spannungen in der Quellenlage und der Überlieferung von historischen Gegebenheiten werden durch dieses Arbeiten mit Verfremdungs- und Authentizitätseffekten mitthematisiert.